11/06/2024

São Paulo - Rückkehr nach 25 Jahren

 

Flug, Einreise, mit Bus und U-Bahn ins Zentrum - alles problemlos. Der Platz der Republik, wo ich aus der U-Bahn steigen musste, sah genauso verwahrlost aus wie 1999. Mein Gebäude habe ich schnell gefunden. Airbnb okay, Internet schnell, alles andere katastrophal. 

Das Zentrum von São Paulo war auch vor 25 Jahren nicht schön, aber heute ist es abartig. Überall Obdachlose. Menschen, die teilweise nicht mehr menschlich erscheinen, wie Gruppen von Straßenhunden. Ja, das klingt nicht schön, aber so sieht es aus. Ich habe sie nicht fotografiert, also kann ich es nur beschreiben. Das ist kein Leben, sondern pure Existenz. Ich weiß nicht, wie man das ertragen kann. Sie nehmen irgendwelche Drogen, das sieht man. Ansonsten könnte man es wahrscheinlich wirklich nicht ertragen. Früher haben sie Klebstoff geschnüffelt. Komplett anders als in Buenos Aires. Dort gibt es auch viele Obdachlose, aber nicht so wie hier. Hier liegen sie im Zentrum mitten in der Fußgängerzone, mitten auf dem Bürgersteig, mitten im Müll, wo sie etwas Essbares gesucht haben. 

Es ist sehr viel Polizei präsent, zu Fuß, im Auto und sogar auf Pferden. Dadurch wirkt es tagsüber nicht total unsicher, aber trotzdem läuft niemand mit Handy in der Hand herum und man trägt seine Tasche dicht am Körper. Einmal bin ich in eine Straße geraten, wo weit und breit keine Polizei zu sehen war und besonders viele Menschen auf der Straße lagen. Anders als in Argentinien falle ich hier natürlich sofort auf und ich war heilfroh, als ich wieder in einer Straße mit Polizeipräsenz war. Abends bin ich gar nicht mehr rausgegangen. Auch die Sonntage waren schlimm. Wochentags laufen hier noch Menschen herum, die im Zentrum arbeiten, aber sonntags ist so gut wie alles geschlossen. Nie wieder São Paulo Centro, das ist schon mal ganz klar. 

Ja, es war emotional, noch einmal durch die Straßen hier zu laufen. Dort, wo ich Eduardo zum ersten Mal getroffen habe, wo wir uns oft gesehen haben. Aber er ist schon lange nicht mehr hier und es ist ein Vierteljahrhundert vergangen. Ich glaube, ich bin zu alt für Brasilien. Das ist mir auch alles zu laut hier. So sitze ich also meistens im Airbnb. Schade, dass es keinen Balkon hat, denn das Wetter ist wirklich super, so um die 26°C. 

Ähnlich wie letztes Jahr bei der Pleite mit Aruba freue ich mich nun auf Lima. Im Februar wollte ich nicht dorthin, weil ich viel lieber in Buenos Aires geblieben wäre, aber jetzt kann ich es kaum abwarten. Und es wird ja auch kein langer Aufenthalt. Nur zweieinhalb Wochen und dann geht es zurück in mein geliebtes Buenos Aires. 

Blick von meinem Airbnb (17. Stock). Das Grüne ist Praça da República

Dieses Kirche sieht zumindest noch so halbwegs ansehnlich aus

In dem Gebäude habe ich vor 25 Jahren im oberen Stock Deutsch- und Englischunterricht gegeben. Jetzt ist alles geschlossen. 

Eingang zur U-Bahn-Station, wo ich immer ausgestiegen bin

So ziemlich genau vor diesem Gebäude hatte Eduardo seinen Stand mit Schmuck

Das ist die Rua São Bento,  wo es früher so viele ambulante Verkäufer gab

Banco do Brasil mit Regenbogenflagge. Zu allem Überfluss hat Brasilien ja aktuell auch eine sozialistisch-woke Regierung. Am ersten Wochenende gab es so eine Pride-Veranstaltung. 

Hinten das Gebäude ist eine Mall. Drinnen fühlte man sich wieder wie ein normaler Mensch. Keine Obdachlosen, kein Gestank, kein Geschrei. 

Eines der hübscheren Gebäude im Zentrum, Fakultät für Irgendwas. 

Praça da Sé. Das war früher schon extrem unsicher. Aber wie gesagt, viel Polizeiaufgebot. Trotzdem keine Touristen, zumindest keine ausländischen. Ich habe tatsächlich die ganze Zeit nicht einmal Englisch oder Spanisch gehört, nur Portugiesisch. 

Das ist die Kathedrale von São Paulo. 


Rua da Quitanda früher und heute. Eduardo mit Jaci zu einer Zeit, als die ambulanten Händler gerade nicht in der Rua São Bento arbeiten durften. Die Quitanda ist eine Seitenstraße, wo weniger Leute liefen und laufen = weniger Verkaufsmöglichkeiten. Es wirkt auf dem Bild ein bisschen netter als 1998, ist es aber nicht wirklich. Ich würde Eduardo gern noch einmal treffen, um zu erfahren, wie es ihm geht, aber ich bin mir nicht sicher, ob das passieren wird. Ich habe eine Adresse in Iquique, Chile. Vielleicht sollte ich einfach mal hinfahren, um das Kapitel auch endgültig abzuschließen. Es fällt mir immer noch schwer, deshalb schleppe ich ja auch dieses alte Foto seit zehn Jahren mit mir herum. Ja, das Bild von 1998 existiert als echtes Foto. Ich kann mich kaum an Dinge erinnern, die ich zusammen mit dem Vater meiner Kinder gemacht habe, aber alles, was mit Eduardo zu tun hat, ist immer noch so klar. Das Kennenlernen, der Abschied in Brasilien, als er mich und die Kinder zum Busbahnhof gebracht hat, das Wiedersehen in Barcelona und dann in Deutschland Jahre später. Und dann ... puff, verschwunden, nie wieder etwas gehört. Auch online nichts gefunden, nur halt diese Adresse in Chile, weil man auf einer chilenischen Website mit Hilfe von Namen und Geburtsdatum nach Einwohnern suchen kann. 

27/05/2024

Recoleta, Tootsie und Anne Frank

 

Straße in Recoleta

Es war ein kaltes Wochenende, morgens nur 4°C. Aber solange die Sonne scheint, ist es nicht so dramatisch. Und wenn sie nicht scheint, so wie heute, dann bleibe ich halt zu Hause bzw laufe nur einmal kurz zum Café Martinez um die Ecke. Die kennen mich mittlerweile schon. Praktischerweise wird auf Google immer angezeigt, wann viele Leute da sind, so dass ich diese Zeiten vermeiden kann. Aber die Argentinier haben eh einen komplett anderen Rhythmus als ich. Die Cafés sind eher so ab 17 Uhr gut gefüllt. Ich gehe entweder morgens zum Frühstücken dorthin oder am frühen Nachmittag. 

Das ist mein Gebäude. Ich wohne im 9. Stock, aber mit Balkon zur anderen Seite, Avenida Córdoba 6561. Ja, das ist eine ziemlich lange Straße. Block 65 ist der letzte. 

Ich habe es während des momentanen Aufenthalts auch geschafft, mindestens einmal pro Woche etwas zu unternehmen. Von den Ausflügen in den Botanischen Garten und zur Costanera Sur habe ich ja schon berichtet. Ist ja nicht so, dass es man hier nichts machen kann. Sich in Buenos Aires zu langweilen ist schlicht und ergreifend unmöglich. 

An einem besonders schönen Nachmittag habe ich noch einmal einen Ausflug nach Recoleta gemacht. Der Stadtteil ist so ein bisschen wie Barranco in Lima, aber viel größer. 

Eingang vom Friedhof von Recoleta, wo Evitas Grab ist. Dort war ich 2017. Man muss Eintritt bezahlen. 

Der älteste Baum von Buenos Aires (ca 300 Jahre alt) steht gegenüber vom Friedhof

Die Statue des Atlas stützt einen Teil des Baumes. Der Typ daneben hat Tangos gesungen. Das liebe ich ja an Buenos Aires, dass so viele Straßensänger Tangos singen. 

Die Kirche gehört auch zum Friedhof von Recoleta

Das ist ein anderer Stadtteil, hinter dem Teatro Colón. 

Auf den großen Straßen fahren die Busse in der Mitte und dort sind auch die Bushaltestellen

Nachdem ich es ja in den zwei Monaten im Sommer aus irgendeinem Grund nicht ins Theater geschafft habe, wurde es nun Zeit. Ich habe mir Tootsie angeschaut. Der Film mit Dustin Hoffman aus den 80ern, wo er sich als Frau verkleidet hat, um als Schauspieler Erfolg zu haben und sich dann in seine Kollegin verliebt hat. Das war noch lustig. Auch jetzt als Theaterstück, aber wenn ich bedenke, dass sich heute bärtige Kerle Frauenkleider anziehen und behaupten, sie wären weiblich und sich aufregen, wenn man sie "misgendert", könnte ich kotzen. Da ist mir Tootsie doch wesentlich lieber. Und Buenos Aires hat ja noch diese wunderschönen alten Theater. Hach, ich liebe diese Stadt. 




Letzten Freitag war ich dann noch im Anne-Frank-Museum. Um genauer zu sein, heißt es hier Museo Ana Frank. Es war nicht so super spektakulär, aber sie haben mich zur Führung mit einer argentinischen Schulklasse zusammengepackt und nachdem ich mich am Ende als Deutsche geoutet hatte, wurden einige neugierig. Ich aber auch, denn was wissen bzw lernen argentinische Teenager über Deutschland und den Holocaust? Es war ein interessanter Austausch. 

Das Buch in verschiedenen Sprachen

Eine Nachbildung des Zimmers von Anne Frank im Versteck in Amsterdam

Die Gegenstände und die Kleidung sind original aus den 1940er Jahren, haben sie gesagt


Nun bleiben mir noch drei Tage in Mi Buenos Aires Querido. Am Donnerstag fliege ich nach São Paulo, Wiedersehen mit Brasiliens Megastadt nach 25 Jahren. 

18/05/2024

Naturschutzgebiet Costanera Sur (Buenos Aires)

 


Buenos Aires liegt nicht direkt am Atlantik, sondern an der Mündung des Río de la Plata. Anders als in Lima liegen die Wohngebiete nicht direkt am Wasser. In der Provinz Buenos Aires ist das anders. Trotzdem kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut bis an den Fluss. Heute habe ich das Naturschutzgebiet Costanera Sur besucht. Es liegt direkt hinter Puerto Madero. Das ist der modernste und teuerste Stadtteil von Buenos Aires. Allerdings würde ich dort selbst dann nicht wohnen wollen, wenn ich das notwendige Kleingeld hätte. Diese Hochhäuser sind selbst mir zu unpersönlich. Der Spaziergang durch das Naturschutzgebiet hat etwa zwei Stunden gedauert. Leider gab es immer noch Mücken. Ich hatte ja gedacht, die Viecher wären mittlerweile alle tot, nachdem die Temperaturen in den letzten Tagen auf unter 10°C gefallen waren. Dem war nicht so. Sobald ich stehenblieb, um ein Foto zu machen, wurde ich von den Biestern umschwirrt und gestochen. 

Einige der Wolkenkratzer von Puerto Madero

Ich vermute mal, dass hier am Wochenende viel los ist. 

Das ist eine Lagune, noch nicht der Río de la Plata

Wie man sieht, es liegt direkt hinter den Wolkenkratzern

Keine Ahnung, was das ist, aber es war ziemlich groß

Ja, es gibt auch Palmen in Buenos Aires

Das ist der Río de la Plata

Das auch und ganz hinten sieht man die Fähre, die aus Uruguay kommt

Wenn die blöden Mücken nicht gewesen wäre, wäre ich hier eine Weile geblieben


05/05/2024

Botanischer Garten Buenos Aires

 

Der Koffer, den ich Mendoza gekauft hatte, ist gut mit mir zusammen in Buenos Aires angekommen. Ich musste nicht einmal extra bezahlen. Natürlich fange ich jetzt nicht an, mit Koffer durch die Gegend zu reisen. Das gute Stück bleibt hier. 

Dafür, dass ich erst sechs Tage hier bin, habe ich schon einiges erledigt. Das Airbnb gefiel mir auf Anhieb so gut, dass ich schon am zweiten Tag die Besitzer gefragt habe, ob ich es regulär mieten kann. Tja, und nun habe ich einen regulären argentinischen Mietvertrag für Juli, August und September. 500 Dollar im Monat und das Geld wollen sie tatsächlich in Dollar-Scheinen. Bin ja im Juni noch einmal zwei Wochen in Peru, um Papiere für die argentinische Aufenthaltserlaubnis zu holen, da muss ich mir dann auch die Dollar besorgen. 

Eine neue Brille bekomme ich nächste Woche auch. War bei einer Optikerin in der Nähe und die war sooo nett. Überhaupt sind sie hier alle einfach nur nett. Ich liebe diese Stadt. Und ich stelle fest, ich muss nur in Buenos Aires sein, um zu wissen, dass ich gar nicht mehr nomadisch sein will. Es gibt hier ja alles, was ich brauche. So viele Geschäfte, Cafés, Restaurants, Theater, Museen. Es stört mich nicht einmal sonderlich, dass das Wetter schon recht kühl ist. 

Ideal wäre es, wenn ich jedes Jahr so im Juni, Juli und August in Europa sein könnte. Ich habe wieder angefangen, Ungarisch zu lernen und würde da gerne nächstes Jahr ein paar Wochen verbringen. In Budapest (ebenfalls eine Lieblingsstadt), aber auch in einer kleineren Stadt, wo nicht jeder Deutsch oder Englisch spricht. 

Heute war ich im Botanischen Garten. Ein bisschen spazieren gehen, frische Luft schnappen. Morgen muss ich arbeiten, es gibt einiges zu tun.